TELEBALL IX | MATTEOS KONSOLE

Als ich in den letzten Wochen durch Online-Auktionshäuser stöberte, fand ich ein Angebot einer ähnlichen Spielekonsole. Ich war erfreut, bot und erhielt den Zuschlag. Das Gerät war, wie selbstverständlich, kaputt. Immerhin veranlasste es mich, wie meine Hände seine Regler, Controller und Knöpfe befühlte, an Matteo zu denken, einen Freund aus meiner Kindheit und unsere gemeinsame Bergung einer alten Konsole aus dem Keller seiner Großeltern.

Trotz der schon wesentlich fortgeschrittenen und auch verfügbaren Möglichkeiten elektronischer Unterhaltung, empfanden wir damals ein Gefühl wie etwas entdeckt zu haben, dem wir durch den Anschluss an Netz und Fernseher seine verborgenen Geheimnisse entlocken zu können. Wir verbrachten Nachmittage mit der monotonen, aber durch uns steuerbaren Bewegungen der wenigen Pixel, erweiterten den Umfang der binären Welt auf dem Bildschirm um unsere Phantasie und schlugen unsere Zeit mit kindlicher Gnadenlosigkeit tot.

Eine Notiz geblienen:

Text etwas zerren und reißen; verschiedene teile in verschiedenen sprachen; immer noch kürzere sätze, etwas weniger geschwollen schreiben;

Eine Erinnerung wässert durch die Synapsenmembranen

Wir lagen wir nach dem Fussballspielen unter dem Birnbaum oder zogen uns mit letzter Kraft den alten Zwetschgenbaum hoch, um auf den dicken Ästen tief zu lehnen und mit schaukelnden Beinen den Wespen beim Zerfressen fauler Früchte zuzusehen. Unentschlossen suchten wir in unseren Hirnen nach Ideen, sichteten in den Wolken nach Bildern, lasen in den Kerben der Rinde nach dem entscheidenden Begriff. Irgendwann kamen auf den Gegenpol unserer Rast in der Höhe und zielten auf den Keller. Wir mussten unter den Fenstern des Erdgeschoss um das halbe Haus pirschen, weil drinnen Matteos Großeltern geschäftig waren. Obwohl der Gang in den Keller nichts Verbotenes war und die Großeltern anderes zu tun hatten als unsere Heimlichkeiten zu überwachen, wollten wir diebisch sein. Vor Spannung zupften und hielten wir abwechselnd die Säume unserer Shirts, bis wir den Kellerabgang erreichten und den Schlüssel der kastanienbraun lackierten Kellertür aus seinem Versteck holten, mit selten so fein gestimmten Muskelfasern unserer Kinderhände das Schloss geräuschlos öffneten und das kühlende Klima der Waschküche in unsere Nasen einzogen, bis wir bis zum Gaumen den Geruch von Waschmittelpulver und trocknender Wäsche wahrnehmen konnten.
Wir genierten uns vor der aufgehängten Unterwäsche der Großeltern und gaben uns mit leisen Lauten unseren beschämten Abscheu zu verstehen als gegenseitige Versicherung. Die Betonbodenplatten, auf denen wir schlichen, waren teilweise abgeplatzt und hatten eine Art von Muster: Auf einem breiten Raster, auf dessen teilenden, schmalen Flächen befanden sich quadratische Kerben. Der Beton war speckig geworden, an einigen Stellen schon poliert durch emsiges darüber gehen. Matteo wusste genau, an welcher Stelle es rutschig war und an welcher Stelle es eine Kante zum Stolpern gab. Wir erreichten die Türe, bemerkten die Dunkelheit auf dem Zwischengang und unser Ziel. Ein geöffneter Raum gegenüber, in dem das laue Sonnenlicht in Strähnen durch das Kellerfenstergitter geteilt wurde und glänzend auf den hier ebenfalls speckigen, aber wesentlich staubigeren Betonplattenboden verwies.

Spring, Teufel aus der Kiste

Wir huschten schnell und leicht in diesen Raum und lehnten sorgsam die Türe an. Matteo griff wahllos in Kisten, die in einem Wandregal gelagert waren. Nach kurzem Zögern meiner Hände, gab mir Matteo mit einem Seitenblick zu verstehen, dass auch meine Neugier angemessen war und die Erlaubnis erhielt, mittels meiner Kinderfinger die Inhalte der Kisten zu untersuchen. Wir wühlten viel und präsentierten uns gegenseitig unsere Entdeckungen, besahen die Dinge gründlich und prüfend und forschend und wägten die Qualität der Möglichkeiten ab, die sich in der Beschaffenheit dieser Dinge für unsere ungewissen Zwecke bieten konnten. Meistens zogen wir mit altem Spielzeug von Matteo wieder ab, das aus mir nicht mehr nachvollziehbaren Gründen mit einer gewissen Regelmäßigkeit aus seinem Zimmer oder dem Gartenschuppen immer wieder seinen Weg in das Kellerlager fand.

Wir entdeckten einen Karton in einer Kiste eines Onkels von Matteo. Die Machart der Abbildungen auf diesem Karton, das uns fremde Farbschema, die groß aufgedruckten Heilsversprechen: Das alles ließen ein besonderes Interesse in uns keimen.

Die Bergung ist erfolgreich

Es handelte sich um eine Spielekonsole, ein gealterter grau-weißer Plastikkasten, aus dem an Kabeln zwei Controller ragten, die die Möglichkeit boten einen recht fein geriffelten Knopf zu drehen und damit – wie wir später feststellten – Pixel auf dem Fernsehbildschirm nach oben oder unten zu bewegen. Wir waren ergriffen. Diese brachiale Form von elektronischen Spielkonsolen war uns unbekannt. Wir nahmen den Karton nach oben, schlossen die Konsole an den Fernseher und waren verzaubert von den geringen Möglichkeiten dieses Rudiments von Unterhaltungselektronik. Wir spielten so etwas wie Tennis gegeneinander. Zwei weiße Pixelbalken wurden für uns athletische Spieler, das einfarbige Spielfeld ein gepflegter Rasen über dessen Hälfte sich ein Netz spannte. Wir spielten uns den Ball zu, der unablässig von den Rändern des Feldes abprallte und dadurch eine unvorhersehbare Tücke ins Spiel brachte.

Experiment und Beliebigkeit

Die Konsole, die ich vor wenigen Wochen erwarb, diente mir als Äquivalent zur Konsole meiner Erinnerungen. Ich setzte sie dem Experiment aus. enthält für mich einen wichtigen Kern: Diesen Kern abzugleichen mit dem Kern, der im Gehäuse dieser beider Konsolen liegt, dem Original in der Erinnerung und dem Equivalent vor meinen Händen, zu vergleichen und ihre Unterschiede festzustellen. Ist der eine Kern mehr nur eine Rede, ist der andere eine Zusammenstellung von Material, die nur unter bestimmten Bedingungen funktioniert und dessen bestimmtes Material durch die Zeit seine Bedingungen fast vollkommen verloren hat. Ist der Kern – ich habe den Inhalt des Gehäuses untersucht – zwar nach Anordnung und Beziehung mit den anderen Bauteilen scheinbar noch intakt, ist sein Inhalt, seine Funktion, seine Form erloschen. "
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